Insekt oder Weltmeister?

Arno Schmidts Text „Tina oder über die Unsterblichkeit“ ist eine phantastisch gute Erzählung. Der Ich-Erzähler trifft beim abendlichen Medikamentenkauf in einer Darmstädter Apotheke eine zwielichtige Gestalt im grünen Lodenmantel. Man fachsimpelt und besucht gemeinsam die Unterwelt:
"Er zeigte mit dem Kinn auf die Litfasssäule an der Straßenkreuzung, in der eine Zeitungsverkäuferin ihren Stand hatte."

Die Kussszene mit Tina in der Litfasssäule schafft jenen emotionalen Ausnahmezustand, welcher die Leser die phantastischen Elemente des Erzählten problemlos „schlucken“ lässt. Wenn Schmidt so weitergeschrieben hätte ...

Hat er aber nicht. Die Klage des schriftstellernden Insekts in Wittgensteins Fliegenglas wurde in späteren Jahren zur Kraftmeierei des literarischen Schwerathleten, dessen Marktwert sich nach dem Gewicht seiner Bücher bemisst. Das Elysium wandelte sich so endgültig zu jenem marktradikalen Zwangslager, in dem man "Goethe mit Bielschowsky zusammensperrt".
Die Nachwelt verwaltet und vernutzt dort den Aufmerksamkeitswert des Autors, entweder im staatlichen Bildungsauftrag als "Fachbereich Gestaltung". Oder Individuen der paternalistischen Erbengeneration raffen seine Urheberrechte in ihren Rechtskonstrukten zusammen, zwecks möglichst vollständigem selbstdarstellerischem Image-Transfer.
Doch Tina ist längst weitergezogen und ich weiß, wo sie ihren Kiosk hat.

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